Kapitel 2 · Eintrag 2

Der Preis der Freiheit

Der Weg in die Selbstständigkeit

Nachdem ich die Sache mit dem Arbeitsamt überstanden hatte, war ich endlich frei, zumindest auf dem Papier. Ich hatte Aufträge, ein kleines Einkommen, eine eigene Website, ein Portfolio, das wuchs. Zum ersten Mal in meinem Leben verdiente ich Geld mit Kreativität statt mit Muskelkraft. Ich war stolz, aber auch vorsichtig. Denn ich wusste: Jeder Tag ohne Disziplin bedeutete, dass am Monatsende kein Geld da war.

Zum Glück hatte ich etwas, das viele andere nicht hatten: ein Auge für Gestaltung. Ich konnte Webseiten einfach schöner machen, klarer, moderner, ansprechender. Grafik war mein Vorteil, Ästhetik meine Waffe. Verkaufen konnte ich nicht, verhandeln schon gar nicht. Aber ich konnte bauen. Und das reichte am Anfang.

So gewann ich Kunden, verdiente etwas Geld und sammelte Erfahrungen, oft gute, manchmal bittere. Ich lernte, dass es Kunden gibt, die fair sind, dankbar, unkompliziert. Und dann gibt es die anderen. Ich nannte sie später „Kunden aus der Hölle".

Einer von ihnen bleibt mir bis heute im Gedächtnis. Ein Mann, für den ich eine Website erstellte. Anfangs war er nett, höflich, interessiert. Wir telefonierten fast täglich, stimmten Texte ab, Bilder, Kleinigkeiten. Ich war bemüht, alles perfekt zu machen. Doch irgendwann kippte die Stimmung.

Es war tief in der Nacht, vielleicht ein, zwei Uhr. Das Telefon klingelte. Ich erschrak, dachte, es wäre etwas passiert. Wer ruft um diese Uhrzeit an? Ich hob ab und hörte ihn. Lallend, betrunken, aggressiv. Er schrie ins Telefon: „Was haben Sie da gemacht?! Ich hab' einen Brief vom Anwalt! Alles ist falsch! Ich verklag Sie!" Ich blieb ruhig, versprach, am nächsten Tag alles zu prüfen. Ich sah mir die Website an, kein einziger Fehler. Am Mittag rief er an, entschuldigte sich. Er habe zu viel getrunken, es sei nichts gewesen.

Einmal hätte ich das verstanden. Aber es passierte wieder. Und noch einmal. Beim dritten Mal platzte mir der Kragen. Ich brüllte ins Telefon: „Suchen Sie sich jemand anderen! Ich bin raus aus dem Mist!" (das war die höfliche Variante und die echte schreib ich lieber nicht). Ich legte auf und fühlte mich gleichzeitig wütend und erleichtert.

Das war meine erste Lektion in echter Selbstständigkeit: Nicht jeder Kunde ist ein guter Kunde.


Ein anderer Kunde war weniger laut, aber nicht weniger anstrengend. Er rief ständig an – morgens, abends, zwischendurch. Immer wegen Kleinigkeiten, manchmal nur, um zu plaudern. Ich war freundlich, hörte zu, bis ich merkte: Das hier kostet mich Zeit, die ich nicht habe. Ich verdiente kein Geld damit, seine Geschichten zu hören. Ich musste lernen, Grenzen zu setzen.

Der Höhepunkt kam, als er eines Tages den Hörer seinem Hund gab. Ja, seinem Hund. „Sprich mal mit Herrn Achatz", sagte er. „Bell mal kurz." Ich stand da, mit dem Telefon am Ohr, hörte ein Bellen und dachte: Ich bin im falschen Film.

Danach schrieb ich ihm eine E-Mail, wo ich ihm erklärte, dass ich ab sofort die Telefonate minutengenau abrechnen muss. Ich rechnete wirklich jede Minute ab, sekundengenau. Er rief nie wieder an.

So lernte ich etwas, das mir bis heute bleibt: Du musst deine Zeit schützen. Kunden, die deine Grenzen nicht respektieren, zerstören dein Geschäft, bevor es wächst. Es gibt Zeitdiebe. Ich begann, klare Regeln aufzustellen, ehrlich zu kommunizieren und für alles, was ich tat, auch einen Preis zu verlangen.

Es war eine neue Phase. Ich war kein Lehrling mehr, kein Arbeitnehmer, kein Suchender. Ich war ein Selbstständiger – mit allen Freiheiten, aber auch allen Konsequenzen. Am Monatsende ist ein leeres Konto nicht optimal.